Was schön war: logistische Besonderheiten in Schottland

Es gibt in Inverness ein Fahrradgeschäft, die verkaufen und reparieren nicht nur Räder, die bieten auch noch einen Taxiservice an für Radreisende, um von A nach B zukommen. A ist in dem Fall vor allem Ullapool, der nördliche Fährhafen der äußeren Hebriden. Denn von dort muss man erst Mal 65km und ca 700 Höhenmeter strampeln, um zu einem kleinen Bahnhof zu gelangen. Ich hatte bereits auf der Anreise ständig Radfahrer angequatscht und gefragt, wie sie das in Ullapool machen und die Antworten bewegten sich in dem Dreieck „nicht nach Ullapool fahren“, „das eigene Auto dort deponieren“ und besagtem Taxi Service. Deshalb wartete an der Fähre Gavin auf uns, das war unser Fahrer und ein echter Glücksfall. Von Gavin erfuhr ich einiges mehr über die Hebriden, zB das der sonntägliche Ruhetag so streng noch war vor 30 Jahren, dass man Sonnabend Abend, Sonntag morgen und Sonntag Abend in die Kirche ging, dass man dann keine Wäsche waschen darf, geschweige denn diese draußen aufhängen und dass man die Schaukeln auf den Spielplätzen festgebunden hatte, damit niemand sie benutzte.
Gavin ist selbst Radreisender und damit hatten wir dann ein Thema, tauschten Hinweise und Tipps aus und stellten fest, das für uns beide Finnland das Land zum auswandern wäre, sollte es einmal nötig werden. Eine großartige Fahrt.
Die Fahrt führte durch Wälder, leuchtend buntgrünes Wiesen- und Weideland und grüne Felder. Und plötzlich merkte ich am ganzen Körper wie sehr ich den Wald und das grüne vermisst hatte die 2 Wochen auf den Hebriden. Wie sehr das fehlte. Interessant auch die Aussage der Zimmerwirtin beim Westend B&B, die sagte, ihre Familie lebt seit 6 Generationen auf dem Stück Land und sie könne nicht richtig atmen, wenn sie in einer Gegend mit Wald sei. Bei mir ist es vielleicht umgekehrt. Vielleicht auch kein Wunder: Bostel ist voll mit Eichen und ich kenne das Schweinebruch, die Benzlo und die Sprache auswendig, so oft, wie ich als Kind und Heranwachsende dort unterwegs war. Irgendwie auch schön das zu spüren.
Gavin unser Fahrer dachte auch darüber nach, was der günstigste Platz wäre, um uns rauszulassen und so gelangten wir südlich von Inverness auf ein ehemaliges Schlachtfeld, was nun zum National Trust gehört und welches Touristen aus der ganzen Welt besuchen. Auch bekloppt, wenn man mal überlegt, wie viele Denkmäler es für irgendwelche Kriege gibt auf der Welt und wie wenig für den Frieden. Für uns war es aber ein optimaler Platz um mit der Tagestour zu beginnen, denn jeder Stadtwusel lag nun hinter uns. Für Gavin war es ein kleines extra Stück zu fahren, wofür wir sehr sehr dankbar waren. Und es gab da auch noch etwas zu essen.
Unser Ziel an dem Tag war Nairn. Ein kleiner beschaulicher Küstenort ohne großes Chichi, dafür einer alternativen Szene und einem hübschen Strand. Ursprünglich wollten wir von Inverness nach Aberdeen radeln und dann von dort mit der Bahn nach Newcastle zur Fähre. Dann stellten wir nach Buchung der Unterkunft in Nairn fest, dass das eng werden könnte und so erklärt sich die etwas unorthodoxe Streckenführung und Bahngurkerei, die dann noch folgte. Aber der Reihe nach.
In Nairn kam ich dann in den Genuss einen Schwarm Delphine sehr nah beim Strand Herumschwimmen zu sehen! Ich habe sie zuerst gesehen und sie waren ganz nah und es war einfach nur wundervoll. Yeah, yeah, yeah.
Dann mussten wir am folgenden Tag unseren Irrtum korrigieren und begannen mit einer 2geteilten Bahnreise nach Dunbar, von wo es sehr realistisch war, entlang des Nordseeküsten Radweges bis zur Fähre nach Newcastle zu fahren. Weil Bahnfahren mit Rad auch in Schottland anstrengender ist als das Radfahren selbst, teilten wir das ganze auf: am Sonntag von Nairn nach Perth über Aberdeen, am nächsten Tag von Perth nach Dunbar über Edinburgh. Das wär von Inverness aus sicherlich schneller gewesen, dann hätten wir aber die wundervolle Strecke bis Nairn und die Delphine verpasst.
Und wir hätten den letzten Schaffner zwischen Edinburgh und Dunbar nicht kennengelernt und das wäre auch ein Verlust gewesen, ein großer. Dieser Expresszug konfrontierte uns nämlich erneut mit Fahrrad-Plätzen, die den Grundriss einer Telefonzelle haben und wo die Räder an den Vorderrädern an der Decke aufgehängt werden sollen. Fürchterlich. Das machten wir nicht und hofften einfach darauf, das es erst jemand bemerkt, wenn die nächste Station unser Ausstieg ist. Wenn wir dann rausfliegen, ist es ja gut. Doch der Schaffner kam sehr viel eher. Ein hochgewachsener rothaariger Hüne, sehr deutlicher schottischer Akzent. Wir machten uns auf alles gefasst, denn wir standen mitten im Gang und wirklich im Wege rum, mehr kann man gar nicht im Wege rum stehen und alles aufhalten, wie wir das taten. Fest entschlossen waren wir, die “schwache Frauen‘ Karte auszuspielen. Doch es kam anders. Er wollte wissen, wo wir hin wollen, wo wir schon waren, wo unser Zuhause ist, schwärmte dann von Hamburg obgleich er nie da gewesen ist, fragte nach den gefahren Distanzen, sagte, dass wir vielleicht etwas verrückt seien und er sich eine Radreise niemals zutrauen würde. Dann begann er sich dafür zu entschuldigen, dass wir keine ordentlichen Plätze hätten und diese Fahrradplätze ein Desaster seien. Er quetschte sich noch 3 Mal an uns vorbei und entschuldigte sich jedes Mal für unsere unkomfortable Reise Situation. Dann kam Dunbar und wir stiegen aus. Der Schaffner jedoch, der rief noch einmal sehr laut viele Grüße und gute Reisewünsche den ganzen Bahnsteig längs und winkte so auffällig, dass sich die Leute zu uns umdrehten.
Das war schön.


Beitrag veröffentlicht

in

von

Schlagwörter:

Kommentare

Kommentar verfassen